Werte in Japan – Giri

Um das Wesen und die Kultur der Japaner erfassen zu können, muss zuerst einiges an Hintergrundwissen zu den Besonderheiten dieses Volkes erworben werden. Japaner gelten allgemein als höflich und traditionsbewusst, manchmal auch als sehr distanziert und zurückhaltend.

        So manche Verhaltensformen kommen dem Nicht-Japaner fremd und seltsam vor. Zu beachten ist unter anderem. dass Japan von ungefähr 1639 an vollkommen vom Ausland abgeschlossen bzw. isoliert war und erst 1853 die USA mittels Waffengewalt die schrittweise Öffnung Japans erzwang. In den Zeiten der vollkommenen Isolation richtete sich die Bevölkerung nach sozialen Verhaltensmaximen für die allgemeine soziale Interaktion, die den Funktionen des geschriebenen Rechts in anderen Kulturen gleichkommen.

        Inzwischen gibt es auch in Japan geschriebenes Recht und eine Verfassung. Dennoch haben diese nicht den Stellenwert bei der Bevölkerung wie das traditionelle Regelsystem Giri. Wörtlich übersetzt heißt Giri „der richtige Grund“. Im Prinzip handelt es sich bei Giri um eine moralische Verpflichtung oder den Status einer Person. sich einer anderen Person gegenüber in vorgeschriebener Weise benehmen zu müssen. Ein durchsetzbares Recht auf Erfüllung der Pflicht besteht seitens des Empfängers nicht, allerdings ist der Verpflichtete im Falle, dass er nicht freiwillig seine Giri-Pflicht erfüllt, sozial ernsthaft entehrt. Der Japaner bleibt dabei bemüht, die Erfüllung der Pflicht als Ausübung von Sympathie zu empfinden und zu zelebrieren.

        Nach Erfüllung der Giri-Pflicht ist der Empfänger wiederum zu einer Gegenleistung verpflichtet, es entsteht also eine Art Beziehung, die auf gegenseitiger Giri-Verpflichtung basiert und damit fortgesetzt bzw. unbegrenzt wird. Solche Beziehungen sind oft nach hierarchischen Strukturen ausgerichtet und haben eine nicht unerhebliche emotionale Qualität. Die Regeln werden weniger durch ein staatliches oder öffentliches Sanktionssystem durchgesetzt, sondern Gefühle der Ehre, Scham und Furcht vor Gesichtsverlust sorgen für die Einhaltung der Giri-Pflichten. Giri bildet somit ein Basissystem von Vertrauen und Begleichung einer Schuld. Daher endet die Beziehung auch nicht, wenn die Gegenleistung im Vergleich zur Erstleistung wertmäßig durchaus adäquat gewesen ist.

        Eine neuere Sitte, die auf dem Giri-System beruht, ist der White Day, der am 14. März jeden Jahres stattfindet und an dem überwiegend weiße Süßwaren verschenkt werden. Neben dem eigenen Partner werden Klassenkameraden, Mitarbeiter oder Kollegen beschenkt.