In seiner Theorie wird die Verbindung der Gruppenmitglieder emotionell nicht durch Identität, sondern durch Ergänzung bestimmt und ist situationsabhängig. In der Gruppe herrscht eine stark auf Seniorität beruhende Hierarchie vor, wobei kaum Raum für Beziehungen auf gleicher Ebene vorhanden ist.
Macht und Einfluss der Gruppe sind so stark, dass sie sich nicht nur auf die Handlungen des einzelnen auswirken, sondern sogar seine Vorstellungen und seine Denkweise verändern und ihn noch stärker von der Gruppe abhängig machen.
Dieses vertikale System war Ausgangspunkt für Doi, der in diese Beziehungsstrukturen amae, das individuelle Begehren, von jemand anderem versorgt und geliebt zu werden, mit einbrachte.
„[…] [M]it amae wird das Suchen nach der Mutter ausgedrückt, wenn die psychische Entwiclung des Säuglings den Punkt erreicht hat, an dem er erkennen kann daß die Mutter als von ihm getrenntes Wesen existiert.
Er betrachtet amae als eine Art Grundprinzip des japanischen Selbst- und Gesellschaftsverständnisses und darüber hinaus als Schlüssel zum Verständnis vieler psychopathologischer Entwicklungen in der japanischen Gesellschaft. Freiheit bedeutet im westlichen Sinne Unabhängigkeit, während im japanischen jiyuu zwar die Abhängigkeit von der Mutter enthalten ist, sich das Kind aber durch deren Fürsorge ohne Zurückhaltung frei ausleben kann, dadurch also Freiheit durch Geborgenheit erhält.
Der im westlichen Verständnis oft negativ konnotierte Begriff der Abhängigkeit berührt in der japanischen Bedeutung eine völlig andere Ebene, auf der es dem Kind von der Mutter ermöglicht wird, sich zu entfalten, wobei sie gleichzeitig ein Höchstmaß an Nachsicht zeigt und Fürsorge zeigt. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit amae auch von einem „Bedürfnis“ nach gegenseitiger Bindung und Abhängigkeit.



