Im folgenden finden Sie eine Arbeit von Josef Hiebl, die sich detailliert mit diesem japanischen Phänomen auseinandersetzt. Sollten Sie den kompletten Text als pdf herunterladen wollen, so können Sie dies hier tun:
Bosozoku – Einleitung
Am 16. Juli 1988, um genau 14:17, wird in Tokyo von Wissenschaftlern eine Atombombe gezündet, die die Stadt dem Erdboden gleichmacht. Neun Stunden darauf bricht der 3. Weltkrieg aus.
2019, Neo-Tokyo. 31 Jahre, nachdem Tokyo zerstört wurde, steht die neue Hauptstadt auf den Resten der alten. Die Jahre des Aufbaus und des Wirtschaftswachstums sind vorüber, und Unruhen erschüttern die neu erbaute Metropole. Der Regierung gelingt es nur mit Hilfe des Militärs, die öffentliche Ordnung einigermaßen aufrechtzuerhalten. Bewaffnete Motorradbanden ziehen durch die Stadt und treiben ihr Unwesen. Unter ihnen befinden sich Kaneda und Tetsuo, die sich zusammen mit ihren Freunden einen Kampf mit der rivalisierenden Gang der „Clowns“ liefern. Die beiden, die sich seit ihrer Zeit im Waisenhaus kennen, besuchen eine heruntergekommene Gewerbeschule für leistungsschwache Schüler und halten nicht viel vom Rest der Gesellschaft. Jeden Abend fahren sie, berauscht von Amphetaminen, auf ihren schweren Maschinen durch Neo-Tokyo und versuchen dabei, den „Clowns“ zu zeigen, wer auf den Straßen das Sagen hat.
Diese Handlung stammt aus dem Film „Akira“, dem wohl bekanntesten japanischen anime,[i] der aus der überaus erfolgreichen, mehr als 2000-seitigen gleichnamigen Manga-Fassung des Zeichners Otomo Katsuhiro entstanden ist. Die Motorradgangs, die Otomo beschreibt, haben reale Banden zum Vorbild. In Japan, dem Land der Stille, können seit etwa Anfang der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts bōsōzoku , illegale Motorradgangs, auf den Straßen beobachtet werden, die sich hauptsächlich nachts treffen, um mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Gegend zu rasen. Sie gefährden dabei sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer, liefern sich Verfolgungsrennen mit der Polizei, sind häufig in kriminelle Aktivitäten verwickelt und stören die öffentliche Ordnung. Über sie heißt es in Japan auch: „Was man im Sommer zuhauf hat sind Stechmücken und bōsōzoku . Beide klingen ähnlich.“ Und sind auch ähnlich erwünscht.
Das Thema bōsōzoku findet in Japan breites Interesse. Neben der Verarbeitung in Mangas und anime findet man in Zeitungen häufig Meldungen über die Motorradgangs. Im Jahr 1999 wurde vom Fernsehsender TBS die Serie „Salaryman Kintaro“ ausgestrahlt, die ursprünglich als Comic in der japanischen Jugendzeitschrift „Young Jump“ erschien. Hauptperson darin ist der ehemalige bōsōzoku Kintaro, der nach seinem Ausstieg aus der Gang versucht, ein Leben als Angestellter in einer Firma zu beginnen, dabei aber immer wieder seine lange Zeit erprobten Umgangsformen einsetzt. Seine Art, Geschäfte zu machen, besteht daraus, sein Gegenüber einfach anzuschreien. Falls die verbale Einschüchterung nicht zum gewünschten Erfolg führt, legt Kintaro auch gerne Hand an seine Geschäftspartner an und verprügelt sie. Die Serie fand in Japan ein so begeistertes Publikum, dass im Jahr 2001 eine 2. Staffel nachgelegt wurde.
In der vorliegenden Seminararbeit sollen zunächst die Begriffe bōsōzoku und yankee sowie damit in Zusammenhang stehende Begriffe näher erläutert werden und zusätzlich auf die Aktivitäten dieser Motorradgangs eingegangen werden. Im darauf folgenden Kapitel sollen der style und die Symbole der bōsōzoku sowie deren Fahrzeuge vorgestellt werden, die sie auf ihren Fahrten zur Schau stellen. Kapitel 4 geht der Frage nach, welche Beweggründe die bōsōzoku dazu verleiten, angesichts des hohen Risikos der Fahrten trotzdem daran teilzunehmen. In diesem Zusammenhang wird das von dem Soziologen Mihaly Csikszentmihalyi entwickelte Konzept des flow als Erklärungsversuch herangezogen. Das letzte Kapitel geht auf die Besonderheiten der japanischen Gesellschaft ein, in deren Konformitätsprinzip die bōsōzoku so gar nicht reinzupassen scheinen. Dabei werden unter anderem das Konzept des amae, der besonderen Beziehung zwischen Mutter und Kind, sowie die Tendenz der Japaner, Gruppen zu bilden und dadurch gemeinsam Ziele zu erreichen näher erläutert, um abschließend kurz die Stellung der bōsōzoku innerhalb der japanischen Gesellschaft zu betrachten.
Begriffserklärung Bosozoku
Seit Anfang der fünfziger Jahre sind bōsōzoku im japanischen Straßenbild zu beobachten. Zuerst in Erscheinung traten die Motorradgangs in der Gegend um Yokohama, bevor sich ihr Auftreten sowohl auf viele Städte als auch ländliche Gebieten Japans ausdehnte. In der Hauptstadt Tokyo wurden sie zum ersten Mal am 4. September 1959 von den örtlichen Polizeibehörden registriert, als sich 55 „jugendliche Straftäter“ vor dem Meiji-Schrein versammelten.[i] Zwischen 1972 und 1975 wurden landesweit 817 bōsōzoku -Gangs mit insgesamt 26.000 Mitgliedern [ii] gezählt.[iii]
Der Begriff bōsōzoku, mit dem die Banden von der japanischen Öffentlichkeit bezeichnet werden, setzt sich zusammen aus bōsō („verantwortungsloses Fahren“, „Raserei“) und zoku („Stamm“, „Volk“) und kann in etwa mit „Motorradrowdy“ wiedergegeben werden.[iv] Bei bōsōzoku handelt es sich in der Regel um männliche Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren, [v] die sich zu Gangs zusammenschließen, um gemeinsam illegale bōsō-Fahrten zu unternehmen. Zugute kommt ihnen hierbei, dass im japanischen Rechtssystem Jugendliche unter 20 Jahren strafrechtlich nicht belangt werden können. Obwohl gerade in Japan im Unterschied zu westlichen Ländern im Gangkontext auch weibliche Jugendliche auftreten (bei den bōsōzoku bevorzugt als Sozia) ändern diese nichts am männlichkeitsbezogenen Stil der Gangs.[vi] Die Soziologin Merry White erklärt sich diese Tatsache damit, dass männliche japanische Jugendliche verstärkt die Tendenz aufweisen, sich auf gemeinsames Interessen konzentrieren als dies bei Mädchen der Fall ist:
Boys’ friendship groups in Japan tend to focus more on a common interest than on generalized or mixed-function relationships, gossip, and shopping, and “social training” though these functions also are served in boys’ groups.[vii]
Eine offizielle Definition von bōsōzoku findet sich in einem Polizei-Memorandum von 1974:
Bosozoku are those who drive cars and collectively engage in boso behaviour such as exceeding the speed limit, ignoring traffic signals, and driving illegally modified vehicles.[viii]
Die Größe einer einzelnen Gang variiert zwischen etwa 30 und 100 Teilnehmern, die sich mit ihren Motorrädern und einigen Autos zu den sogenannten shinai bōsō, den innerstädtischen bōsō-Fahrten, versammeln. Eine typische bōsō-Fahrt dauert zwischen ein und zwei Stunden und gliedert sich in mehrere Hochgeschwindigkeitsfahrten, jeweils gefolgt von Unterbrechungen, die zur Erholung und Lagebesprechung genutzt werden. Die Fahrten finden bei Geschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern statt und überschreiten so die geltenden Beschränkungen teilweise um 60 Kilometer in der Stunde. Wagemutigere bōsōzoku versuchen, während der Fahrt Kunststücke auf ihrem Motorrad zu vollführen oder mit dem Beifahrer bei vollem Tempo die Plätze zu wechseln. Zusätzlich werden weitere Verkehrsregeln gebrochen, indem man im Zickzack fährt, Stoppschilder nicht beachtet oder rote Ampeln überfährt. Die begleitenden Autos sind für das shingo heisa verantwortlich, also dafür, dass die Gruppe freie Fahrt hat, indem sie an Kreuzungen den querenden Verkehr blockieren und durch laute Geräusche auf sich aufmerksam machen. Falls die Gruppe von der Polizei verfolgt wird treten die Motorräder am Ende der Prozession zum ketsumakari in Aktion. Sie lenken die Polizei ab, fahren eine andere Route als das Hauptfeld, variieren ihre Geschwindigkeit, fahren, um Polizeifahrzeuge zu blockieren, einen langsameren Zickzackkurs und versuchen nach einer Weile selbst, der Polizei zu entkommen.
Vor einer bōsō-Fahrt finden sich die Gruppen zu verabredeten Zeitpunkten an bestimmten Treffpunkten, sogenannten tamariba, zusammen, um von dort aus die Fahrt zu starten. Die Termine und Treffpunkte, meist Parks oder größere Parkplätze, die von Treffen zu Treffen mitgeteilt werden, werden entweder separat bei einer Konferenz der Anführer der teilnehmenden Gangs entschieden oder beim vorigen Treffen vereinbart. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, damit die Polizei den Treffpunkt nicht vorher herausfindet und die bōsō-Fahrt schon im Vorfeld unterbindet. Auch zwischendurch wird an vereinbarten Plätzen immer wieder gehalten, um die aktuelle Lage kurz abzuklären.
Bei den Fahrzeugen, mit denen die Jugendlichen ihre Fahrten absolvieren, handelt es sich hauptsächlich um modifizierte und getunte Motorräder, bei denen man Löcher in den Auspuff bohrt und denen man die Schalldämpfer entfernt. Durch den Höllenlärm, der dadurch erzeugt wird, lässt sich sicherstellen, dass die Gruppe weithin zu hören ist. Begleitet wird der Konvoi meistens von Mitgliedern in Autos. Polizeistatistiken zeigen sogar, dass es sich bei bōsōzoku entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht nur um Jugendliche auf Motorrädern handelt, sondern zwischen 54 und 67 Prozent in Autos an den Fahrten teilnehmen.[ix] Auch die Vehikel dieser Teilnehmer sind stark auffrisiert und glänzen durch Extras wie eine ausgetüftelte Lichtanlage im Innenraum, leistungsstarke Soundsysteme oder spezielle Hupen und erinnern oft stark an die US-amerikanischen „low-riders“ bzw. „hot-rodders“
Durch polizeiliche Kontrollen sowie Artikel 68 eines neuen Straßenverkehrsgesetzes vom Dezember 1978, in den Bestimmungen über gemeinschaftliche gefährliche Handlungen im Straßenverkehr aufgenommen wurden, wurde die Kontrolle rowdyhaften Verhaltens im Straßenverkehr erleichtert, außerdem konnten große Versammlungen und Fahrten in großen Gruppen unterbunden werden.[x] Durch eine weitere Gesetzesnovelle im Mai 2002 wurde es der Polizei nun möglich, Mitglieder der Motorradgangs aufgrund gefährdenden Verhaltens im Straßenverkehr zu verhaften. Vor Inkrafttreten dieses Gesetzes konnten bōsōzoku nicht festgenommen werden, solange sie keinen Unfall verursachten oder anderweitig Schaden anrichteten.
Trotz der Erleichterungen der in Polizeiarbeit brachten die getroffenen Maßnahmen relativ wenig, Die Zahl der Gangs konnte im Vergleich zum ersten Höhepunkt Mitte der siebziger Jahre nur für kurze Zeit reduziert werden. Laut offizieller Statistik der japanischen National Police Agency (NPA) waren 2002 184.857 Jugendliche an bōsō-Fahrten beteiligt.[xi]
Von der Öffentlichkeit werden die Jugendlichen dann, wenn sie nicht an bōsō-Fahrten teilnehmen, sondern an Straßenecken herumhängen, als yankee bezeichnet, ein Begriff, der in den 60er Jahren als generelle Bezeichnung für US-Amerikaner verwendet wurde und durchaus pejorativ konnotiert ist. Diese sind ständig auf der Suche nach „action“[xii] und finden Sie häufig in kriminellen Tätigkeiten oder Bandenkämpfen mit anderen Gangs. Laut Statistik der NPA wurden im Jahr 1999 mehr als 80% aller von Jugendlichen verübten Delikte von bōsōzoku begangen und betragen mehr als doppelt so viel wie noch 1996[xiii] Bei den von ihnen verübten Straftaten handelt es sich meist um Einbruch-Diebstahl, leichte Körperverletzung oder Eigentums- und Drogendelikte. In den letzten Jahren kann man durchaus von einer Brutalisierung der Bandenkriminalität sprechen, da sich die Fälle häufen, deren Bandbreite von schwerer Körperverletzung bis hin zu Mord reicht. Der Journalist Velisarios Kattoulas sieht den Grund dafür in einer gesunkenen Geburtenrate, durch die auch die Mitgliederzahlen bei den bōsōzoku schwanden.[xiv] Den damit verbundenen optischen Machtverlust müssen sie nach Kattoulas’ Meinung durch Delikte von größerer Brutalität kompensieren. Allerdings ist fraglich, auf welche Zahlen Kattoulas zurückgreift, hat sich doch die Zahl der bōsōzoku im Vergleich zu den siebziger Jahren nahezu versechsfacht!
Oft werden bōsōzoku mit den Yakuza,[xv] der japanischen Mafia, in Verbindung gebracht, erinnern sie doch in ihrem Aussehen stark an deren Mitglieder, außerdem erledigen sie oft kleinere Aufträge für diese. Die Yakuza finden in den bōsōzoku auch häufig Abnehmer für Amphetamine und andere Drogen. Nach ihrer Zeit als yankee bzw. bōsōzoku enden sie nicht selten selbst in der organisierten Kriminaliät. Ein ehemaliger Polizeiermittler vermutet, dass rund 40% aller bōsōzoku später selbst zu Yakuza werden.[xvi]
Merkmale von Bosozoku – Style und Symbole
Im Gegensatz zu anderen Motorradgangs wie beispielsweise den Hell’s Angels legen bōsōzoku sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Karl Taro Greenfeld beschreibt in „Speed Tribes. Days and nights with Japan’s next generation“ mit Tatsuhiro den Anführer einer Motorradgang, der, bevor er das Haus verlässt, Stunden mit seiner Schönheitspflege zubringt:
From the side, front, even from above, as far as he could tell in the full-length mirror, it was perfect. Then he leaned closer and checked the three-quarter view and detected a flaw, a tiny imperfection, a lock of hair out of place above his ear, and with a sigh, he started over. Tatsuhiro squeezed another palmful of Stiff hair gel from the tube and tried once again to get his hair just right.
It was 12:30 on a Friday afternoon, and Tatsuhiro Nobutani – Tats – was just starting his day. This was a personal, contemplative time for him and he made it clear to his mother that he was not to be disturbed during his morning routine: a half-hour devoted exclusively to his hair. And if it didn’t come out just right he would spend another half-hour.[i]
Den Haaren wird bei den bōsōzoku ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Fast alle tragen ihr Haar etwa schulterlang, meist blond oder braun eingefärbt. Haargel, um die Frisur in Form zu bringen, ist Pflicht. Mitglieder, die sich nicht an diesen ungeschriebenen Kodex halten, müssen sich zumindest dumme Sprüche von Seiten der anderen gefallen lassen.[ii] Für sie symbolisiert das einheitliche Äußere Maskulinität, Charakterstärke und dient als Kriterium, um die Gruppe nach außen hin abzugrenzen.[iii] Auch der der Kriminologe und Soziologe Joachim Kersten sieht darin zwar eine Nonkonformität, die bōsōzoku vom Rest der Bevölkerung separiert, diese Nonkonformität weist jedoch eindrucksvoll uniforme Züge auf:
Japanischen Jugendliche in solchen Gruppierungen legen, genau wie die Angehörigen reputationsträchtiger Kulturen wie Skifahrer oder Golfspieler, enormen Wert auf äußeren Stil. In seiner Gesamtheit erscheint auch der subkulturelle Protest-Stil dem westlichen Auge als eine erstaunlich uniforme Nonkonformität. Alle in der Gang färben sich die Haare oder alle benutzen Haargel. Auch dies ist in der Schule strikt untersagt.[iv]
An japanischen Schulen gelten strenge Vorschriften bezüglich des äußeren Erscheinungsbildes. Den Jungen wird die Länge ihrer Haare vorgeschrieben, diese zu färben sie dauerzuwellen oder sich schminken ist selbst den Mädchen untersagt. Bōsōzoku , bei denen es sich häufig um Schulabbrecher bzw. dropouts handelt,[v] fallen somit durch ihren Stil auf, der in erster Linie gegen die Konformitätszwänge des japanischen Schulwesens, verstößt.
Spätestens ab der Mittelschule müssen alle Schüler unabhängig vom Wetter Schuluniformen tragen. Die yankee modifizieren diese strikt kontrollierte Uniform, die nach dem Vorbild der preußischen Kadettenuniform geschneidert ist und an fast allen staatlichen und privaten Schulen ähnlich aussieht. Durch die Tatsache, dass sie als Schulabbrecher eigentlich nicht mehr dazu verpflichtet sind, diese Uniform zu tragen, dies aber doch tun und zusätzlich die normalerweise strikt kontrollierte Montur umgestalten, karikieren sie gewissermaßen das Schulwesen.
Die Kleidung der bōsōzoku besteht meist aus einem tokkofuku. Ursprünglich wurde so die Uniform der berühmten Kamikaze-Flieger im 2. Weltkrieg bezeichnet. Bei den tokkofuku, die bōsōzoku tragen, handelt es sich hauptsächlich um dunkelblaue oder schwarze Arbeitskleidung[vi] statt um Nachbildungen der echten Uniformen, da oft das Geld für solch eine Anschaffung fehlt.[vii] Viele bōsōzoku färben diese Uniformen auch pink, weiß oder rot, als zwiespältige Anspielung, wie Kersten glaubt, auf ein nationalistisches Erbe.[viii] Auf die Rücken ihrer Jacken, manchmal aber auch auf die Ärmel oder in Höhe der Brusttasche sticken die bōsōzoku den Namen ihrer Gang in goldenen oder silbernen Lettern. Außerdem findet man dort häufig militärische Rangbezeichnungen, Symbole wie die aufgehende Sonne, das kaiserliche Wappen, die Chrysantheme, oder Wörter und Sätze, die auf eine nationalistische Gesinnung hindeuten.[ix] Bei einigen bōsōzoku findet man auch einen sentōfuku, einen dunkelblauen Kampfanzug aus Baumwolle, der üblicherweise in rechtsextremen Organisationen Verwendung findet. Im Winter tragen die bōsōzoku häufig einen dokajan, einen dicken Pullover aus Nylon oder Baumwolle, den normalerweise Bauarbeiter an kälteren Tagen anziehen. Sowohl beim tokkofuku als auch beim sentōfuku wird sorgfältig darauf geachtet, dass die entsprechenden Symbole oder Bezeichnungen eingestickt sind.
Zusätzlich zu den erwähnten Kleidungen tragen viele bōsōzoku hachimaki, Stirnbänder, auf denen sich ebenfalls nationalistische Symbole befinden.[x] Außerdem finden sich bei vielen gerollte Bauchbinden und an den Füssen winzige, effeminierte Slipper, die auf eine Yakuza-Verbindung hinweisen sollen.[xi] Aber auch die nahezu schon klassische Kombination aus Lederjacke und Jeans, die in Japan in anderen Motorradgangs bis zum verstärkten Auftreten der bōsōzoku weiterverbreitet war wird noch von einigen getragen. Anders jedoch als Rockergruppen wie die Hell’s Angels spielen bōsōzoku ihre Rolle nicht an sieben Tagen die Woche, sondern kleiden sich meist nur zu den bōsō-Fahrten entsprechend, während sie den Rest der Woche normale Kleidung tragen.[xii]
Wichtigstes Symbol bei den bōsō-Fahrten ist die Bandenflagge, die hata,[xiii]die vom Flaggenhalter, dem hatamochi, auf dem Beifahrersitz mitgeführt und manchmal auch aus fahrenden Autos gehalten wird. Ähnlich wie bei der Kleidung der bōsōzoku ist ebenso auf der Flagge die aufgehende Sonne oder die Chrysantheme zu sehen, über die, meist quer darübergelegt, der Name der Gruppe abgebildet und so auch von einiger Entfernung aus noch gut erkennbar ist. Sie spielt eine wichtige Rolle in den Bandenkämpfen, da oftmals versucht wird, der gegnerischen Gang die Fahne zu entwenden um sie zu zerstören. Manchmal, bei Auflösung einer Gruppe, wird die Flagge auch der Polizei übergeben.[xiv]
Trotz einer regelrechten Zurschaustellung nationalistischer Symbole durch bōsōzoku glaubt der Soziologe Sato Ikuya nicht an deren konkret rechtsradikale Gesinnung. Tatsächlich finden sich zwar immer wieder Verbindungen zwischen einzelnen bōsōzoku und Rechtsextremen, in der Regel jedoch handelt es sich bei den Motorradgangs um unpolitische Gruppierungen.[xv] Stattdessen werden solche Symbole vor allem dafür benutzt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und bei der normalen Bevölkerung, von der man sich abgrenzen will, Schock-Effekte zu erzielen:
Bosozoku can gain attention and shock people by using nationalist symbols, which are associated with right-wing militants and imply fanaticism and violence. The symbols serve to set a boundary between bosozoku and ippanjin (ordinary people). The image of “discipline and order” implicit in nationalist symbols also appeals to them. These images contribute to the theatrical atmosphere in which bosozoku youths take on the roles of devotees of groups with ironclad discipline.[xvi]
Merkmale von Bosozoku – Fahrzeuge
Wichtigstes Utensil bei den bōsō-Fahrten sind natürlich die entsprechenden Motorräder bzw. Autos, denen, um einer Anzeige bei der Polizei zu entgehen, die Nummernschilder entfernt werden.
Da in Japan, dem Mutterland des Motorradrennsports, strenge Gesetze bezüglich des Hubraums der Maschinen gelten, müssen sich die meisten bōsōzoku mit Maschinen zwischen 250 und 400cc begnügen.[i] Der Führerschein für größere Krafträder darf erst mit 18 Jahren gemacht werden, Motorräder mit mehr als 750cc sind auf dem inländischen Markt generell verboten. Damit sind die bōsōzoku fast ausschließlich auf den heimischen Markt angewiesen, der aber mit Marken wie Honda, Suzuki, Kawasaki oder Yamaha bestens bestückt ist. Auf Harley Davidsons, wie sie beispielsweise die meisten Mitglieder der Hell’s Angels benutzen, müssen sie aber verzichten, da diese meist mit einem Hubraum von über 1000cc ausgestattet sind.
Da die Maschinen, so wie sie aus der Fabrik kommen, zu „normal“[ii] sind, um damit an bōsō-Fahrten teilnehmen zu können, werden zahlreiche Modifikationen daran vorgenommen. An erster Stelle stehen natürlich die Entfernung der Fiberglasdichtung aus dem Schalldämpfer und das Aufbohren des Auspuffs, um das Fahrzeug mit dem entsprechenden Sound zu versehen. Beliebt ist auch, eine neue Hupe einzubauen, die umso angesehener ist, je mehr Töne sie erzeugen kann. Selbst die Lackierung wird selten in ihrem ursprünglichen Zustand beibehalten, sondern häufig in bestimmte Grundfarben umgeändert,[iii] wobei auf dem Tank oft Bilder oder Zeichen angebracht werden.
Für tuningwillige bōsōzoku existieren eine Reihe von Katalogen und Fachzeitschriften, die sie über die neuesten Trends und verfügbare Accessoires informieren. Auch die einzelnen Gangmitglieder sind meist sehr bewandert, was Tuningmöglichkeiten betrifft und geben ihr Wissen gerne weiter.
Da die bōsō-Fahrten hauptsächlich nachts stattfinden, werden oft die Blinker ausgetauscht und extra Lampen angebracht, die zu einem aufregenderem Erscheinungsbild der Motorräder beitragen sollen, darüberhinaus aber keine Funktion erfüllen.
Ein Charakteristikum von bōsōzoku -Motorrädern sind die shibori, speziell gebogene Lenker, die in Japan illegal sind. Weitere Modifikationen betreffen die Stoßdämpfer, die Reifen und die Sitze, um das Fahrgefühl direkter vermittelt zu bekommen.[iv]
Auch die Autos werden in den seltensten Fällen in ihrem Urzustand behalten. Nachdem der anfängliche Trend dahin ging, in Sportwägen an den bōsō-Fahrten teilzunehmen hat er sich mittlerweile hin zu größeren Limousinen verschoben.[v] Das häufigste Charakteristikum von bōsōzoku -Autos stellte das shakotan dar, das Tieferlegen der Autos, indem die Federn gekürzt werden. Auch andere Accessoires wie beispielsweise Sportlenkräder, Spoiler oder Sportfelgen werden so gewählt, um möglichst den Eindruck eines richtigen Sportwagens zu erwecken. Ziel ist auch hier, genau wie bei der Modifikation der Motorräder, ein besseres Fahrgefühl zu vermitteln. Da im Gegensatz zu Motorrädern das Tuning von Autos wesentlicher schwieriger selbst zu bewerkstelligen ist liegt der Preis dafür durch die damit verbundenen Werkstattkosten entsprechend höher.
Inada Daijiro, Geschäftsführer eines Verlags für Renn- und Tuningzeitschriften, sieht die Bereitschaft, viel Geld in Autos zu investieren darin, dass diese eine Art Ersatzwohnung für deren Fahrer darstellen:
If there were nice places to live, people wouldn’t spend so much on their cars, but maybe make their homes nicer inside and things like that,” says Inada. “But there’s no such system in Japan and that’s why everyone is spending money on their cars. And if you spend money on your cars, then there’s got to be some place to run.[vi]
Viele bōsōzoku vergleichen ihre Autos folglich mit ihren Privaträumen, in denen die Mitfahrer, genau wie in japanischen Wohnungen üblich, vor dem Einsteigen die Schuhe ausziehen müssen und in denen auch sonst peinlichst genau auf entsprechende Sauberkeit im Wageninneren geachtet wird.[vii]
Warum nehmen Jugendliche an boso-Fahrten teil?
Boso-Fahren als Rebellion
Bei Betrachtung des bōsōzoku -Problems stellt sich zwangsläufig die Frage auf, mit welcher Motivation die Jugendlichen angesichts des hohen Unfallrisikos, einer drohenden Festnahme durch die Polizei und der Möglichkeit einer Beschlagnahmung ihres Fahrzeugs sich in Gangs organisieren und an bōsō-Fahrten teilnehmen.
Der Soziologe Takata Akihito weist auf das Problem der strukturellen Gewalt in der Gesellschaft hin. [i] Er glaubt, dass es sich bei bōsōzoku um Jugendliche handelt, die von Anfang an aus der Schule ausgeschlossen sind, jedoch davon ausgehen, später durchaus innerhalb eines vorgegebenen Rahmens leben zu können. Ihrer Einschätzung nach können sie nur in ihrer Jugend mit der Motorradgang ihren Rahmen verlassen und frei sein. Die Gangs bilden eine Art von Übergangsschule und „Gegenwelt“, bis die Jugendlichen sich auf ihren vorgegebenen Rahmen einlassen, da in der „normalen“ Welt durch Ausgrenzung und Reglementierung durch Polizei und Schule kein Raum bereitgehalten wird, in dem sie existieren können.
Auch die Japanologin Gesine Foljanty-Jost ist davon überzeugt, dass der extreme Zwang des Schulsystems hin zu Konformität Aggressionspotentiale bei denen schafft, die sich nicht konform verhalten können oder wollen.[ii] Bei Gewaltanwendung und kriminellem Verhalten handelt es sich folglich um eine direkte Demonstration der eigenen Jugend und gleichzeitig um ein Ventil,[iii] durch das sich das im Alltag aufgestaute Aggressionspotential entladen kann. Besonders die bōsō-Fahrten dienen dazu, gegen die japanische Gesellschaft, mit deren Regeln und Normen diese Jugendlichen nicht klarkommen, durch Lärm und das Verursachen von Chaos auf den Straßen zu rebellieren. Auch der Soziologe John Fiske erkennt in einem Verhalten wie dem der bōsōzoku „the refusal to accept the social identity proposed by the dominant ideology and the social control that goes with it.”[iv]
Warum nehmen Jugendliche an boso-Fahrten teil?
Der flow der bōsō-Fahrten
Ein weiterer Ansatz, die Motivation der bōsōzoku zu verstehen, lässt sich in dem von dem Soziologen Mihaly Csikszentmihalyi entwickelten Konzept des flow finden. Csikszentmihalyi entdeckte auf der Suche nach den elementaren menschlichen Bedürfnissen, dass hinter jedem extrinsischen Motiv, das den Menschen bestimmte Dinge tun lässt, eine intrinsische Motivation steht, die sich in autotelischen Aktivitäten zeigt und als belohnend empfunden wird. Seine Analyse von bestimmten autotelischen Aktivitäten wie Schachspielen, Klettern oder Rock-Tanzen weist darauf hin, dass Menschen, die solche autotelischen Aktivitäten ausüben, dies zum Zwecke eines flow-Erlebnisses tun, das die entscheidende Komponente der Tätigkeitsfreude darstellt. Er bezeichnet diesen besonderen dynamischen Zustand als „[…] das holistische Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit – als flow […]“:[i]
Im flow-Zustand folgt Handlung auf Handlung, und zwar nach einer inneren Logik, welche kein bewußtes Eingreifen von Seiten des Handelnden zu erfordern scheint. Er erlebt den Prozeß als ein einheitliches „Fließen“ von einem Augenblick zum nächsten, wobei er Meister seines Handelns ist und kaum eine Trennung zwischen sich und der Umwelt, zwischen Stimulus und Reatkion, oder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verspürt. Flow ist das, was wir „autotelisches Erleben“ nannten.
Bei seinen Untersuchungen zeigte Csikszentmihalyi, dass sich der flow sowohl in der Bewegung als auch bei gelingendem geistigem Vollzug zeigt. Ein Merkmal einer Person im flow ist, dass diese ihre Handlungen und die Umwelt vermeintlich unter Kontrolle hat, was ihr aber nicht unbedingt speziell bewusst ist.[ii] Sie antizipiert das Vorhandensein bestimmter Regeln, durch die das Tun automatisch und unproblematisch wird. Die relevanten Stimuli werden von diesen Regeln definiert, alles andere wird als irrelevant ausgeschlossen.[iii] Bōsōzoku sind sich zwar der Risiken des bōsō-Fahrens durchaus bewusst, sie gehen jedoch davon aus, dass diese minimal sind, da sich alle an ihre Regeln halten, angefangen von den Mitgliedern der Gang über die Polizei, von der man erwartet, dass sie mit ihren Polizeifahrzeugen nicht in die Gruppe fährt und Unfälle verursacht, hin zu anderen Verkehrsteilnehmern, die an Kreuzungen anhalten sollen, sobald sie den Lärm der bōsōzoku vernehmen.
Als die am höchsten bewertete Belohnung wird von den bōsōzoku der Aspekt „Freundschaft und Gesellschaft“ bewertet.[iv] In den Gangs finden sie Gleichgesinnte, die oftmals einen ähnlichen sozialen Hintergrund und eine ähnliche Schullaufbahn vorweisen. Das Gruppenerlebnis trägt maßgeblich zur Steigerung und Intensivierung bei. Bōsōzoku geben an, dass das Fahren in der Gruppe wie ein Spiegel wirkt, durch den man die Chance erhält, sich selbst beim Fahren zu beobachten.[v] Eine weitere Eigenschaft von flow besteht darin, dass eindeutige Rückmeldungen an die handelnde Person erfolgen.[vi] Dies geschieht zum einen über das Feedback, das man für seine Anstrengungen durch Erreichen eines bestimmten Ziels erhält. Zum anderen erfolgt dies, indem die eigene Existenz und die eigene Intention von anderen anerkannt werden.[vii] Bei den bōsōzoku ist das im medatsu, dem „Gesehen werden“ bzw. „Auffallen“, gegeben. Aus diesem Grunde suchen sie meist belebte Straßen auf, wo sich auch abends viele Leute aufhalten, von denen Feedback in Form von Reaktionen erhofft wird, durch die man in eine bestimmte heroische Rolle gehoben wird. „Allerdings ist es nicht so, daß wir im flow innehalten, um die Rückmeldungen zu evaluieren; Handlung und Reaktion sind meist so gut geübt, daß sie automatisch geworden sind. Man ist zu sehr von einem Erlebnis ausgefüllt, um darüber nachzudenken.“ [viii] Sowohl das Feedback über die eigenen Fähigkeiten als auch das Feedback der Zuschauer tragen zu einem „ideal run“ bei.[ix]
Ein weiterer Aspekt des flow ist die Struktur des Spiels, das zusätzliche motivationale Elemente liefert.[x] Csikszentmihalyi führt als einfachsten Anreiz den Wettbewerb an, der gewöhnlich auch solche in seinen Bann zieht, die normalerweise nicht motiviert sind. Bei den bōsōzoku findet dieser Wettbewerb auf zwei Ebenen statt: zum einen untereinander, indem man beispielsweise um Fähigkeiten oder Maschinen konkurriert, zum anderen, indem man vereint versucht, einen Sieg gegen die Polizei davonzutragen. Das bōsō-Fahren wird in eine Spielstruktur eingeteilt, in der die eigenen Fähigkeiten mit der Herausforderung kombiniert werden, die Polizei, die in Japan eine Art Elternfunktion erfüllt, abzulenken:
In Japan übernimmt die Polizei eher die Rolle der strengen, aber wohlmeinenden Eltern, die den unartigen Kindern zu erkennen geben, daß sie böse waren, mit dem Erziehungszweck, nun gute, der Familie dienende Kinder aus ihnen zu machen.[xi]
Indem sie der Polizei, dem Vertreter der bestehenden Ordnung, davonfahren, rebellieren die bōsōzoku im sogenannten „playful delinquency“ auf eine geradezu spielerische Art gleichzeitig auch gegen die Gesellschaft, von der sie reglementiert werden und von der es gilt, sich abzugrenzen,: “Defying the police for the thrill of it is part of the pattern of delinquency of the bōsōzoku […].”[xii] Die spielähnliche Struktur trägt erheblich dazu bei, dass auf den Fahrten Handlung und Bewusstsein der bōsōzoku verschmelzen und sie das autotelische Erlebnis, den flow, verspüren können.
Bosozoku im Kontext der japanischen Gesellschaft
Das typische Klischeebild Japans vermittelt dem Betrachter den Eindruck, Japaner würden keine Individualität besitzen oder diese zumindest unter dem Druck einer uniformen Kollektivgesellschaft nicht ausdrücken dürfen. Dieses Japanbild steht im direkten Kontrast zum Klischee des westlichen Individualisten, der sich frei entwickeln und entfalten kann und bei dem Nonkonformität als Kreativität uminterpretiert wird. Sein japanischer Gegenpart hingegegen sich als Querulant betrachtet, da Hingabe und Anstrengung in der japanischen Gesellschaft höher als Initiative und Originalität eingestuft werden.
In der Wissenschaft konkurrieren hauptsächlich zwei Modelle, die als Erklärungsversuch für die Struktur der japanischen Gesellschaft herangezogen werden:
Der sowohl in der westlichen als auch japanischsprachigen Literatur dominierende holistische Ansatz stellt Japan als ein integrales Ganzes dar und ignoriert dabei beispielsweise lokale Unterschiede oder historische Veränderungen. Er betont die Divergenz der japanischen Gesellschaft in bezug auf westliche Gesellschaften stark und illustriert dies durch Konzepte wie amae oder den Begriff tate shakai („Vertikalgesellschaft“). Dem gegenüber steht der konfliktorientierte Ansatz, der nicht generalisiert, sondern sich auf spezifische Aspekte der japanischen Kultur konzentriert. Er berücksichtigt dabei Interessenskonflikte, indem offensichtlichen, positiven Errungenschaften wie hohen Lebens- und Ausbildungsstandards oder Gruppensolidarität Missstände wie relativ niedrige Wohn- und Lebensqualität oder Diskriminierung ethnischer und gesellschaftlicher Minderheiten gegenübergestellt werden.
Bosozoku im Kontext der japanischen Gesellschaft – Amae
Das Konzept des amae wurde von dem japanischen Psychoanalytiker Doi Takeo entworfen und stellt eine Weiterentwicklung des Modells von Nakane Chie dar, der die sozialen Beziehungen in Japan durch die Faktoren Rahmen und Attribut bestimmt sieht.[i] In seiner Theorie wird die Verbindung der Gruppenmitglieder emotionell nicht durch Identität, sondern durch Ergänzung bestimmt und ist situationsabhängig. In der Gruppe herrscht eine stark auf Seniorität beruhende Hierarchie vor, wobei kaum Raum für Beziehungen auf gleicher Ebene vorhanden ist. Macht und Einfluss der Gruppe sind so stark, dass sie sich nicht nur auf die Handlungen des einzelnen auswirken, sondern sogar seine Vorstellungen und seine Denkweise verändern und ihn noch stärker von der Gruppe abhängig machen.
Dieses vertikale System war Ausgangspunkt für Doi, der in diese Beziehungsstrukturen amae, das individuelle Begehren, von jemand anderem versorgt und geliebt zu werden, mit einbrachte.
„[…] [M]it amae wird das Suchen nach der Mutter ausgedrückt, wenn die psychische Entwiclung des Säuglings den Punkt erreicht hat, an dem er erkennen kann daß die Mutter als von ihm getrenntes Wesen existiert.[ii]
Er betrachtet amae als eine Art Grundprinzip des japanischen Selbst- und Gesellschaftsverständnisses und darüber hinaus als Schlüssel zum Verständnis vieler psychopathologischer Entwicklungen in der japanischen Gesellschaft. Freiheit bedeutet im westlichen Sinne Unabhängigkeit, während im japanischen jiyuu zwar die Abhängigkeit von der Mutter enthalten ist, sich das Kind aber durch deren Fürsorge ohne Zurückhaltung frei ausleben kann, dadurch also Freiheit durch Geborgenheit erhält. Der im westlichen Verständnis oft negativ konnotierte Begriff der Abhängigkeit berührt in der japanischen Bedeutung eine völlig andere Ebene, auf der es dem Kind von der Mutter ermöglicht wird, sich zu entfalten, wobei sie gleichzeitig ein Höchstmaß an Nachsicht zeigt und Fürsorge zeigt. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit amae auch von einem „Bedürfnis“ nach gegenseitiger Bindung und Abhängigkeit.
Bosozoku im Kontext der japanischen Gesellschaft – Gruppenbildung
Japan ist keine Streitgesellschaft. Ein Funktionieren der Gesellschaftsordnung war allein durch die geographischen Gegebenheiten bedingt unabdingbar. Japan ist bekanntermaßen ein Land, in dem regelmäßig Erdbeben stattfinden oder Taifune wüten. Während der von 1600 bis 1864 dauernden Tokugawa-Periode war Japan vom Festland abgeschnitten, den meisten Ausländern blieb in dieser Zeit der Zutritt zu japanischem Boden verwehrt. In dieser Zeit bildete sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl der Japaner heraus. So ist es kaum verwunderlich, dass früher alle Japaner kollektiv bei der Reisernte halfen, die sich durch die topographische Anatomie ihres Landes mit vielen Bergen und Vulkanen beschwerlich gestaltete. Auch heute noch sieht man einmal im Jahr den Kaiser, wie er in Gummistiefeln bei der Reisernte hilft. Der Tenno und der Reisanbau stellen Symbole dar, in denen viele Japaner den Kern ihrer geistigen Zivilisation zu erkennen glauben. In der Dorf-Gemeinschaft der Reisbauern ist nach Meinung vieler die nationale Stärke entstanden: das Untertauchen des Einzelnen in der Gruppe und die Suche nach Harmonie. Der Einzelne ist weniger wichtig als seine Funktion für die Gemeinschaft. Extremes Beispiel sind in diesem Zusammenhang die Kamikaze-Flieger im Zweiten Weltkrieg, die das eigene Leben dem Wohl von Kaiser und Vaterland unterordneten. Dieses pflichtbewusste Handeln gegenüber der Gesellschaft wird als giri bezeichnet, dem sich ninjo, die menschlichen Gefühle, oftmals auch Eigeninteressen, unterordnen müssen.
So ist auch im Kindergarten schon ein wichtiges Element der Erziehung, die Kinder zu einer Gruppe zusammenfinden zu lassen, wobei dies nicht als explizites Ziel der Vorschulerziehung im Mittelpunkt steht.[i] Das Zusammensein und ein freundlicher Umgang untereinander wird von den Erzieherinnen [ii]dabei nicht erzwungen, […] [v]ielmehr wird den Kindern überlassen, die Anatomie der Gruppe selbst zu schaffen, ein Gleichgewicht herzustellen, in dem jeder einen Platz hat.“[iii] Die Kinder werden nicht zum mitmachen gezwungen, sondern es wird darauf vertraut, dass sich bei Aktivitäten alle der Gruppe anschließen, um den selbstevidenten Zustand der Ausgeschlossenheit und Einsamkeit zu vermeiden. Die Erzieherinnen haben die Aufgabe, die Kinder ganz behutsam mit der neu erfahrenen Welt und ihren besonderen Anforderungen vertraut zu machen. Dabei sollen diese vor allem die Bedeutung erfahren, „[…] Teil einer Gruppe zu sein und ‘glücklich’ gemeinsam zu spielen und zusammenzuleben.“[iv] Die wichtigsten Fähigkeiten, die Kinder im Kindergarten erlernen sollen sind „[…] soziale Einstellungen wie Hilfsbereitschaft, Kameradschaftlichkeit, die Bereitschaft, sich einzuordnen, und charakterliche Eigenschaften wie Ausdauer und Zielstrebigkeit.“[v]
Bei Auseinandersetzungen wird zuerst gesucht, ob ein Kompromiss zu erreichen ist, was sich vor allem auch im kontrakonfliktären Vorgehen in Zivilfragen zeigt, wo die Konfliktparteien erst dann ein Gericht anrufen, wenn ein Konsens nicht mehr möglich ist.[vi]
Bosozoku und Nonkonformität
Der japanische Konformismus lässt sich am besten mit dem Sprichwort „Ein herausstehender Nagel wird eingeschlagen“ („Deru kui wa utareru“)[i] illustrieren. Wer sich nicht in die Gruppe einfügen will, wird von ihr sanktioniert. Ihm soll gezeigt werden, dass der Zustand, nicht mehr Teil der Gruppe zu sein, Ausgeschlossenheit und Einsamkeit bedeutet. So soll erreicht werden, dass sich das Individuum wieder in der Gruppe einfindet.
Bei vielen bōsōzoku handelt es sich um Schulabbrecher, die mit dem japanischen Schulwesen und den Wertvorstellungen in der japanischen Gesellschaft nicht klargekommen sind, etwa die Hälfte stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen.[ii] Dies ist insofern gravierend, als dass „[…] [d]ie Gruppenbezogenheit des Schul-, Arbeits- und Alltagslebens […] mit Sicherheit als Faktor der Kriminalitätsprävention angesehen werden [kann].“[iii] Durch ihr frühes Ausscheiden aus der geordneten Gruppe fällt diese Sozialisationsinstanz weg und die Gefahr steigt, in kriminelle Aktivitäten verwickelt zu werden. Interessant ist, dass die bōsōzoku, die sich in der bestehenden Gruppe nicht zurechtfanden, sich wiederum in Gruppen sozialisieren, in denen ebenfalls starke Hierarchiestrukturen ausgebildet sind und in denen durchaus auf korrekten Umgang untereinander geachtet wird. In der Gang sieht man sich umgeben von Gleichgesinnten mit ähnlichen Problemen: „[…] some groups, such as the bōsōzoku , or motorcycle gangs, sometimes appear to express their solidarity in terms of their shared isolation from society.“[iv] Die Abneigung gegen die traditionelle Gesellschaft, gegen die Schule und gegen die Polizei schafft eine hohe Kohärenz innerhalb der Gruppe. Die bōsōzoku bilden durch den Lärm und das Chaos auf den Straßen, das sie verursachen, einen Antipode zu der als still und geordnet bekannten japanischen Gesellschaft, deren Werte denen der bōsōzoku geradezu antonymisch gegenüberstehen. Sie verstehen sich als Antagonisten dieser Welt und schaffen eine neue, in der die gesellschaftliche Ordnung verschoben ist, was auch Tatsuhiro, der Titelheld aus Greenfelds „Speed Tribes“, erkennt: „This was not the land of Sony and Mitsubishi. Here, […] bosozoku ruled.“[v] Durch ihre Mitgliedschaft bei den bōsōzoku erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, gegen die bestehende Gesellschaft mit ihrer Konformität und ihrem Gruppenbewusstsein zu protestieren und erfahren von den anderen Gangmitgliedern gleichzeitig die Anerkennung, die ihnen die Mehrheitsgesellschaft verwehrt. Hier können sie Individuum und Mitglied einer Gruppe in einem sein. So beschreibt es auch Dai, ein weiterer Protagonist in „Speed Tribes“:
I think Japan is a very negative place in terms of being an individual and in terms of being free. That’s the problem I had with high school, with teachers. They restricted me. School tries to make you think a certain way. But if you just look around, you can get a different way of thinking. And once you’re done with teachers there are cops. I hate cops. […] It’s a way of saying I’m an individual and I’ll find my own way, even if it’s not the right way.[vi]
Im Zusammenhang mit jugendlicher Delinquenz sind auch die beiden Begriffe mukatsuku und kireru von Bedeutung, die benutzt werden, um eine Beschreibung des psychischen Zustands und eines damit verbundenen kriminellen Verhaltens bei Jugendlichen wiederzugeben. Während sich mukatsuku („ärgerlich werden“) auf Gefühle wie Unzufriedenheit, Verärgerung, Irritation oder Frust sowie auf einen potentiell explosionsgefährdeten unterdrückten Zustand bezieht, wird kireru, das wörtlich übersetzt soviel wie „kaputt gehen“ oder „zerreißen“ bedeutet, zur Beschreibung eben dieses Zustands herangezogenen, sofern er über längere Zeit fortdauert und es beim Jugendlichen irgendwann zu einem Bruch kommen lässt. Dieser Bruch äußert sich dann in aggressivem und destruktivem Verhalten gegenüber sich selbst oder anderen. In den letzten Jahren ist ein starker Anstieg der Jugendkriminalität in Folge von kireru zu konstatieren.
Bosozoku – Japanische Motorradgangs – Schluss
Auf einer Zeichnung des Karikaturisten Martin Perscheid mit dem Titel „Japanische Hooligans“ sind drei Japaner zu sehen, die „randalieren“, indem sie sich mit einem Samuraischwert den Bauch aufschlitzen. Japaner, so die Aussage, nehmen sogar in solch einer Situation noch Rücksicht auf ihre Mitmenschen.
Dass dieses überzeichnete Klischeebild nicht der Wirklichkeit entspricht kann man am Beispiel der bōsōzoku sehen. Von Rücksichtnahme auf die Gesellschaft kann keine Rede sein, im Gegenteil gefährden sie diese durch ihr Verhalten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Ansicht von Merry White über bōsōzoku in ihrer 1993 erschienen Analyse zu Teenagern in den USA und Japan:
To me, the boys on their motorbikes […] are not a concern, only a nuisance; they seem to present no real risk. I know that even rebellious adolescents in Japan have self-imposed limits and goals for the future, and that drugs and lethal weapons are very scarce.[i]
Davon, nur ein Ärgernis darzustellen, sind bōsōzoku mittlerweile weit entfernt, Drogenkonsum und Waffen stellen nicht mehr die Ausnahme, sondern eher die Regel dar. Was Anfang der fünfziger Jahre als Zusammenschluss von Motorradenthusiasten begann, die ihre Abneigung gegen die Gesellschaft dadurch ausdrückten, indem sie nachts durch die Straßen rasten und dabei einen Höllenlärm verursachten, ist heute eher in die Kategorie Gewaltkriminalität einzustufen. „So ein getuntes Motorrad zu beherrschen ist das Größte und das Schwierigste!“, wie die Titelhelden in Akira konstatieren, stellt oft nur noch einen sekundären Aspekt dar. Das „Spiel“, dass sich die bōsōzoku früher mit der Polizei lieferten, endet heute nicht selten darin, dass die sich in Unterzahl befindlichen Polizisten von den Jugendlichen bedroht und ihre Autos demoliert werden, in manchen Fällen werden bōsōzoku sogar zu Mördern. Ob das, wie von Kattoulas fälschlicherweise angenommen, an einer gesunkenen Zahl der Mitglieder der Motorradgangs liegt, die durch verstärkte Gewaltanwendung kompensiert werden soll, oder doch eher an dem gestiegenen Leistungsdruck in der Schule, lässt sich nicht eindeutig klären. Um Kattoulas’ These in modifizierter Form zu Richtigkeit zu verhelfen, kann man vielleicht dahingehend argumentieren, dass das Interesse der Medien im Vergleich zur Hochzeit der bōsōzoku abgenommen hat. Um sich trotzdem wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken stellen in den Augen der jugendlichen Delinquenten möglicherweise Gewalttaten von hoher Brutalität ein probates Mittel dar. Eine Hauptschuld liegt aber wohl eher im japanischen Bildungssystem, das eine primäre Devianz im Alter zwischen 14 und 16 Jahren erzeugt, der bei entsprechendem schulischen Ausschluss eine sekundäre Devianz folgt.[ii] Gerade in diesem Alter, in dem in Japan der Übertritt von der Mittelschule an die Oberschule erfolgt, ist der Druck auf die Jugendlichen enorm hoch und führt zu Abweichungsdruck bei denen, die diesem Druck nicht gewachsen sind.[iii] Ob dieser Druck evtl. durch mehr Lehrer, besondere Schulen für Schüler mit derartigen Problemen oder durch anderweitige Maßnahmen gemindert werden kann und dadurch weniger Jugendliche in Subkulturen abrutschen, lässt sich nicht definitiv beantworten. Letztlich ist dies eine Angelegenheit, die jeder individuell für sich entscheiden muss:
[C]ulture is ultimately a matter of values. In the end, it is the individual who decides on values. It is ‘I myself’ who not only decides my place in a single culture, but also abandon one culture and select another.[iv]
Bosozoku – Japanische Motorradgangs – Literaturverzeichnis
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