Anime: Bewegte Bildkultur aus Japan

Zeichentrickfilme kennt jeder. Sie kommen aus den USA und erzählen witzige Geschichten, beispielsweise "Mickey Maus", "Tom & Jerry" und "Popeye". Stimmt das? Nicht ganz. Zeichentrickfilme sind ein künstlerisches Mittel der Filmgestaltung. Sie können unterschiedliche Inhalte abbilden und Emotionen ansprechen. Und nicht nur Kinder sind die Zielgruppe für diese Kunstwerke.

        Aus Japan stammen inzwischen weitaus mehr Zeichentrickfilme und -serien als aus den USA oder Europa. Sie heißen dort allerdings nicht “Zeichentrickfilme” oder “Cartoons”, sondern “Anime” (jap.: アニメ). Der Begriff Anime kommt vom Englischen Wort Animation und steht in Japan für jede Art von Zeichentrickfilm.

        Einige der Anime basieren auf gezeichneten Comic-Vorlagen – sogenannten “Mangas”. Diese werden in Japan in teils telefonbuch-dicken Bänden in hoher Auflage vertrieben. Einige Mangas werden auch nach einem erfolgreichen Anime geschrieben und führen diesen inhaltlich fort.

        Die geschichtliche Entwicklung von Anime

        Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde mit bewegten Zeichnungen experimentiert. Analog zu der Entwicklung von Cartoons vor allem in den USA professionalisierten sich auch die japanischen Zeichentrickfilme. So wurden im zweiten Weltkrieg viele Anime zu Propaganda-Zwecken hergestellt. Seitdem hat sich das Film-Genre weitgehend selbstständig weiterentwickelt.

        In den 50er und 60er Jahren entstanden die ersten fortlaufenden Anime-Serien. Inhaltlich drehten sich diese vor allem um Science Fiction- und Fantasy-Inhalte, und waren vornehmlich auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten. Zu dieser Zeit wurden auch Anime ins Ausland exportiert. Besonders in den USA – selbst große Export-Nation von Trickfilmen – war die Reaktion auf die japanischen Zeichentrickfilme sehr positiv. In Europa hingegen waren die Reaktionen verhaltener, da die Inhalte – zum Teil ungewohnte Gewalt- und Actionszenen, Science Fiction und Fantasy – nicht in das Kinderfilm-Konzept passten, in das Zeichentrickfilme im Allgemeinen eingeordnet wurden.

        In den 70er Jahren entstanden Anime-Serien, die speziell auf den europäischen Markt zugeschnitten waren, und die wir gerade auch in Deutschland noch immer kennen und lieben: Beispielsweise “Biene Maja” und “Wiki und die starken Männer”. Auch Märchen und Literaturvorlagen wurden verfilmt, unter anderem “Nils Holgersson” und “Heidi”. Diese Entwicklung hat sich auch in den 80er Jahren fortgesetzt.

        Die 80er Jahre gelten gemeinhin als die Epoche in der Geschichte des Anime, in denen sich das Genre sowohl in Japan selbst, wie auch im Ausland auf dem Markt und im Bewusstsein der Allgemeinheit durchgesetzt hat. Die Anime waren nun schnell, schnittig, actionreich und spannend. Auch wirtschaftlich war dieses Jahrzehnt höchst erfolgreich. Actionfiguren, Sammelalben und weiteres Merchandising haben die Jugendzeit vieler maßgeblich geprägt. Beispiele für erfolgreiche Anime-Serien aus dieser Zeit sind “Sabre Riders”, “Transformers” und “Teenage Mutant Hero Turtles”; letztere wurden sogar zu abendfüllenden Kinofilmen mit realen Schauspielern umgesetzt. Internationale Zusammenarbeiten fanden nun häufig statt, und Zeichentrickserien wurden zum Großteil in Japan gezeichnet und produziert.

        Seit den 90er Jahren haben Anime sich auch als Kino- und Spielfilme durchgesetzt. Zum Teil sind diese – ebenso wie Anime-Serien – von beachtlichem Tiefgang, außerdem aufwendig gezeichnet und mit computer-basierten Effekten ausgestattet. Der für lange Zeit in Europa erfolgreichste Anime-Film war “Akira”. Endzeit-Szenarios und Science Fiction waren – und sind noch immer – häufig des zentrale Thema von Anime. Aber auch andere, fröhlichere Anime-Serien wie beispielsweise “Sailor Moon” haben eine große Fan-Gemeinde sammeln können.

        Japanische Anime in der Gegenwart

        Heutzutage ist die Anime-Produktion auf einem Höchstpunkt. Serien wie “Dragonball Z”, “Sailor Moon” und “Yu-Gi-Oh” dominieren das Nachmittagsprogramm für Kinder und Jugendliche.
        Programmkinos zeigen kunstvolle Anime mit hohen cineastischen Ansprüchen, und auch große Lichtspieltheater zeigen Anime-Produktionen.
        In Japan sind sogar die 3 erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten allesamt Anime: “Pokémon: Der Film” (1998), “Prinzessin Mononoke” (1997) und “Chihiros Reise ins Zauberland” (2001) waren zum Teil auch in Europa und den USA äußerst erfolgreich.
        Letzterer wurde sogar mit einem Oscar ausgezeichnet. Viele der erfolgreichen Anime-Filme stammen aus den Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterStudios Ghibli. Diese wurden 1985 gegründet und stellen seitdem zumeist sehr märchenhafte und verspielte Anime her. Weitere Titel aus diesem Studio sind “Mein Nachbar Totoro” und “Das wandelnde Schloss”.
        Neben diesen auch, aber nicht nur kindgerechten Filmen, stellen viele Anime-Filme Meilensteine für das Science-Fiction Genre dar. Großen Ruhm erlangten hierbei beispielsweise “Akira” von 1988, wie auch “Ghost in the Shell” von 1995 und “Ghost in the Shell 2: Innocence” von 2004. Auch “Jin-Roh” (1998) und “Robotic Angel” (2001) sind aktuelle Anime mit zukunftsbezogener Thematik.

        Viele dieser Filme erfordern viel Aufmerksamkeit und wiederholtes Sehen, um die Inhalte vollends zu verstehen. Dies zeigt, dass Anime mehr sind als “Cartoons für Kinder”, was häufig ein europäisches Vorurteil gegenüber japanischen Trickfilmen und Zeichentrickfilmen im Allgemeinen ist. Eine bekannte, und ebenfalls inhaltlich recht vieldeutige Anime-Serie ist “Neon Genesis Evangelion” (1995) von den Gainax Studios.

        Anime als Wirtschaftsfaktor

        Anime sind heutzutage ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor in Japan. Neben den Erfolgen an den Kinokassen und der Vermarktung im Fernsehen ist das Merchandising ein bedeutender Aspekt, beispielsweise für die Spielzeug-Industrie. Auch Konsolen-Spiele sind zu erwähnen – beispielsweise die Fantasy-Spielereihe “Zelda” und die Spiele um den Saurier “Yoshi”, ein Begleiter von “Super Mario”. Diese Titel haben für Firmen wie zum Beispiel Konami und Nintendo eine große und zielgruppen-bindende Bedeutung.
        Die positive Reaktion auf japanische Trickfilme ist ungebrochen. Und wenn weiterhin so großartige Anime veröffentlicht werden, wird sich dies auch nicht so bald ändern.

        Anime im deutschen Fernsehen

        Ohne es bewusst wahrzunehmen sind einige von uns bereits schon in viel früher mit Anime in Kontakt gekommen, als allgemein angenommen wird. So startete mit Wicki und die starken Männer der erste Anime bereits im jahre 1974 im Deutschen Fernsehen im ZDF.

        Weitere in Deutschland allseits bekannte japanische Anime wären:

        • Biene Maja (Erstausstrahlung 1976)
        • Pinocchio (Erstausstrahlung 1977)
        • Heidi (Erstausstrahlung 1977)
        • Sindbad (Erstausstrahlung 1978)
        • Marco (Erstausstrahlung 1980)
        • Captain Future (Erstausstrahlung 1980)
        • Nils Holgersson (Erstausstrahlung 1981)